Männliche Harninkontinenz kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Für die operative Behandlung stehen heute verschiedene moderne Systeme zur Verfügung, die auf unterschiedliche Weise die Kontinenz verbessern. Zwei der wichtigsten Optionen sind der künstliche Schließmuskel (AMS 800) sowie das verstellbare suburethrale Kompressionssystem (ATOMS). Beide verfolgen das Ziel, den unwillkürlichen Urinverlust zu reduzieren, unterscheiden sich jedoch deutlich in Aufbau, Funktionsweise und Anwendungsbereich.
Männliche Harninkontinenz: Moderne operative Behandlungsmöglichkeiten
Künstlicher Schließmuskel (AMS 800)
- Hydraulische Prothese, Goldstandard bei schwerer männlicher Belastungsinkontinenz nach Prostatektomie.
- Besteht aus drei Komponenten: Manschette um die Harnröhre, Pumpe (im Skrotum), Ballon-Reservoir (im kleinen Becken).
- Der Patient bedient die Pumpe manuell, um die Manschette zu entleeren (Urinieren möglich); danach schließt sich die Manschette automatisch.
- Einsatz fast ausschließlich bei Männern; Anwendung bei Frauen oder Kindern nur in seltenen Ausnahmefällen.
- Indiziert, wenn konservative und andere operative Maßnahmen nicht erfolgreich waren.
ATOMS-System
- Verstellbares suburethrales Kompressionssystem speziell zur Behandlung der männlichen Stressinkontinenz (v.a. nach Prostataoperationen).
- Ein Silikonkissen wird unter der Harnröhre platziert und über einen subkutanen Port mit Flüssigkeit befüllt – nachträgliche Anpassung möglich.
- Keine Bedienung durch den Patienten notwendig; zum Wasserlassen reicht eine Erhöhung des Blasendrucks.
- Indikation: Leichte bis mittelschwere Belastungsinkontinenz bei Männern.
- Fixierung durch transobturatorisch geführte Bänder; weniger invasiv, da kein Reservoir im Bauchraum benötigt wird.
Vergleich: AMS 800 vs. ATOMS
| Merkmal | AMS 800 | ATOMS |
|---|---|---|
| Kompression | Manschette um die Harnröhre | Kissen/Polster unter der Harnröhre |
| Pumpmechanismus | Manuelle Pumpe im Hodensack | Keine Pumpe |
| Reservoir | Separates Reservoir im Bauchraum | Kein separates Reservoir |
| Bedienung | Patient bedient Pumpe | Keine Bedienung durch Patienten |
| Anpassbarkeit | Nur operativ möglich | Über Port durch Arzt |
| Invasivität | Relativ invasiv (wegen Reservoir) | Weniger invasiv |
Hinweis:
- Die Auswahl des Systems muss individuell erfolgen, unter Berücksichtigung von Inkontinenzschwere, Voroperationen, Patientenerwartungen und -fähigkeiten sowie anatomischen Besonderheiten. Die Einbindung eines erfahrenen Urologen ist essenziell.
- Beim ATOMS-System kann die Kompression auch mehrfach und ambulant angepasst werden.
- Beim AMS 800 kann es bei Dysfunktion zu mechanischen Problemen kommen, die eine Revision/erneute Operation erfordern.
- Beide Systeme sind mit gewissen Risiken (Infektion, Erosion, mechanisches Versagen) verbunden, was in einer ausführlicheren Patientenaufklärung thematisiert werden sollte.
Quellen:
[1] Montague, DK. Artificial urinary sphincter: long-term results and patient satisfaction. Adv Urol. 2012:835290. doi:10.1155/2012/835290.
Bildnachweis: HovhannesKarapetyan - Eigenes Werk - Diagram of implanted AMS 800 artificial urinary sphincter - Bildlizenz: CC BY-SA 4.0